Ein Fahrrad, Reparaturversuche und ein Gang zu viel Realität (…)
Was Berlin und Augsburg enorm unterscheidet, sind die Distanzen. Verwöhnt von Augsburg, wo ich alles in 20 Minuten erreichen konnte, dauert hier alles mindestens doppelt so lange – mit oder ohne Öffis. Schnell war klar: Wir brauchen ein Rad. Also haben wir die Suche gestartet.
Klingt einfach. – Ist es aber nicht.
Gefühlt hat mindestens die Hälfte der inserierten Räder eine spannende „Eigentumsgeschichte“. Da ich jedenfalls nicht mehr chronologisch die Eigentumsverhältnisse feststellen musste, filterte ich meine Suche nach Preis, Optik und Abholort.
Irgendwann habe ich ein schickes Herren-Trekkingrad gefunden. 50 Euro. Klang erstmal nach zu gut, um wahr zu sein.
(Achtung, Spoiler: War es auch.)
In der Beschreibung wurde auf das einzige Manko verwiesen: Hinterrad platt. Ich schrieb also die Verkäuferin an. Die Antwort kam schnell: „Ruf bitte an.“ Am Telefon dann kein „Hallo, ich bin die Verkäuferin“, sondern ein Mann mittleren Alters mit starkem osteuropäischem Akzent. Oleg. Wir sprachen kurz. Ich handelte den Preis ganz solide auf 30 Euro herunter und vereinbarte für Dienstag die Abholung in Kreuzberg. Siegessicher grinste ich Teresa an, die bis dato noch nicht ihr Traum(a)rad gefunden hatte.
Dienstag, 30.Juni 2026, 10:30 Uhr:
45 Minuten mit der U-Bahn und einem kleinen Spaziergang später kam ich sogar fast pünktlich am vereinbarten Treffpunkt an. Da stand es: Mein neues Rad – Oder besser gesagt: das, was einmal ein Rad gewesen sein musste.
Es gab wohl doch mehr „Mankos“. Vielleicht entschied sich Oleg deshalb ganz bewusst für den Singular. Nun, das Fahrrad sah gleichzeitig vorne und hinten so aus, als hätte es beschlossen, nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Ich verlor schlagartig meine Vorfreude. Auch Oleg pumpte. Zumindest versuchte er es. Beim Versuch, das Vorderrad aufzupumpen, blieb er allerdings ebenso erfolglos.
Ich schaute aufs Fahrrad, er schaute mich an.
Beide wussten wir:
Das hier wird weder eine Probefahrt noch ein 30-Euro-Bike.Nach einer kurzen Verhandlung gab sich Oleg geschlagen und wir einigten uns auf 15 Euro. Mal wieder etwas zu selbstsicher vergaß ich allerdings, das Fahrrad genauer anzuschauen. (Bei einem Autokauf wäre mir das sicher nicht passiert.) Zu spät stellte ich fest, dass die Vorderbremse nicht funktionierte. Und auch der Schaltung widmete ich keine Sekunde meiner begrenzten Aufmerksamkeit. Bevor ich das Rad zwei Stunden bis nach Charlottenburg schob, entschloss ich mich kurzerhand, eine Werkstatt aufzusuchen. Nach ein paar Umwegen fand ich tatsächlich eine in Kreuzberg. Ich erklärte ehrlich, dass ich mit dem Fahrrad keinen Preis gewinnen möchte, sondern einfach nur etwas brauche, das mich drei Monate durch Berlin trägt, ohne dass ich jedes Mal beten muss.
Der Typ hörte sich das an, nickte und sagte dann:
55 Euro. Ein neuer Schlauch, ein neuer Mantel und die Montage.
Ich überlegte kurz, entschied dann aber, dass das Fahrrad lieber bei den Profis bleibt. Schließlich hatte ich weder das Werkzeug noch das Know-how, um ein Hinterrad mit Nabenschaltung selbst auszubauen.
Die Wartezeit verbrachte ich im Café „Flying Roasters“ an der U-Bahn-Station Gneisenaustraße. Und plötzlich saß ich da draußen, Kaffee in der Sonne, das Buch auf dem Tisch, und dachte wirklich kurz: Berlin ist eigentlich ganz entspannt.
Ich hatte sogar einen netten Plausch mit einer Berlinerin, die mich direkt mit den ersten Insider-Tipps versorgte.
Nach einer Stunde kommt der erhoffte Anruf. „Fahrrad fertig.“ Klingt gut. Ist es nicht. Hinterrad neu. Vorderrad platt. Und dann der Satz, der alles beendet:
Die Schaltung ist hin. Aber es fährt. Ich bekomme für den platten Vorderreifen eine Luftpumpe in die Hand gedrückt und rolle anschließend los:

Fazit: Der erste Gang ist scheiße. Die Beine überholen die Pedale und Frau kommt nicht voran. Für die Strecke habe ich mind. 40 Minten gebraucht – ohne Übertreibung und ohne verfahren. Einzig positives, ich konnte die neuen Eindrücke entspannt verarbeiten. Berlin ist grüner als man denkt. Die Fahrradwege überraschend gut. Aber es dauerte einfach zu lange.
Zu Hause wartete schon Teresa mit ihrem eigenen Fahrrad-Drama. Auf dem Balkon tauschten wir uns kurz bei einer Zigarette aus, atmeten durch und beschlossen, das Beste daraus zu machen. Also ab in den Innenhof mit „Werkzeug“ und dem Videoanruf nach Augsburg um von den „Hobby-Schrauber-Nachbarn“ eine Ferndiagnose zu erhalten.
Letztlich konnte ich wenigstens die Bremse einstellen. Die Schaltung hingegen war einfach ein riesiges Rätsel. Das Schaltzug war viel zu kurz, wo war der Anfang wo das Ende? Nichts ergab Sinn, ich resignierte. Wir konnten noch ein Kettenöl von einer hilfsbereiten Nachbarin ergattern und machten die letzten Handgriffe, bevor es zum Pilates ging.
Der Weg dahin war wieder Horror. Aus 15 Minuten wurden 25 Minuten. Teresa schwankte stetig zwischen Lachanfall und Genervtsein – über meine Ästhetik und meine Geschwindigkeit. Wenigstens hatten wir ein Fahrradschloss mitbekommen und konnten die „neuen“ Räder absperren.
Nach dem erneut genervten Heimweg beschloss ich, das Kapitel für heute zu schließen und mich die nächsten Tage darum zu kümmern. Zudem war die Ankunft unseres ersten Besuchs geplant. Da konnte ich gleich um die Mitnahme von Fahrradwerkzeug bitten. (Als ob das aufblasbare Bett, der Tennisschläger und das vergessene Laptop-Ladegerät nicht schon gereicht hätteN)
Update: Auch dank Werkzeug konnte ich nichts reparieren. Noch mehr Geld wollte ich allerdings auch nicht in das Fahrrad investieren. Dafür fanden wir heraus, dass am Sonntag, dem 05.07. ein Fahrradmarkt in Moabit stattfindet.
Sonntag, 05. Juli 2026
Mit dem Plan, mein Fahrrad gegen ein brauchbares zu tauschen, begaben wir uns (ja, mit dem Schrottrad) zu dem zehn Minuten entfernten Fahrradmarkt. Hier gab es alles. Tatsächlich auch ein paar Hobby-Schrauber. Ein „Schrauber“, der eigentlich gar keiner war, bastelte gerade an einem Fahrrad. Ich ging zielgerichtet auf ihn zu und fragte ihn, ob er mir helfen könne. Er klärte mich darüber auf, dass er eigentlich gar kein Schrauber sei und mir deshalb nicht helfen könne. Nach einer ungefragten Problemschilderung meinerseits half er mir aber trotzdem. Er erklärte mir, dass ich einen neuen Seilzug brauche und vorne an einem Zelt tatsächlich Schrauber seien, die mir gerne helfen würden. Allerdings stellte sich direkt das nächste Problem heraus: Ich hatte natürlich keinen Seilzug dabei. Er fand irgendwo einen. (Wieso auch immer man als Nicht-Schrauber einen Seilzug dabeihat.) Anschließend klärte er mich darüber auf, vorne selbstbewusst nach dem Austausch zu fragen und mich auf keinen Fall über den Tisch ziehen zu lassen. Danach solle ich noch einmal zu ihm kommen.
Gesagt, getan. Mit neu gewonnener Hoffnung und etwas mehr Selbstbewusstsein ging ich zu den Schraubern, schilderte mein inzwischen fast auswendig gelerntes Problem und einigte mich mit meinem neuen Helden auf 15 Euro. Dem Helden musste ich zwar helfen, aber das tat ich gerne. Schließlich lernte ich dabei auch etwas, konnte einen süßen Hund (Org) streicheln und hoffte gleichzeitig, den bereits verhandelten Preis im Gespräch vielleicht noch etwas drücken zu können. Er teilte mir allerdings schnell mit, dass das Ergebnis eher pragmatisch als schön werden würde. Innerhalb von zwei Minuten wurde dann aber auch klar, dass nicht nur der Seilzug hin war, sondern auch meine Schaltung.
SUPER – Ich konnte nicht mehr.
Innerlich komplett genervt wirkte ich nach außen weiterhin hoffnungsvoll und bat ihn einfach, irgendeinen Gang einzustellen – Hauptsache nicht mehr den leichtesten. Ich nehme auch ein Fixie, falls möglich. In Berlin gibt es schließlich keine Berge, also reicht auch ein Gang. Nach einigen mehr oder weniger souveränen Handgriffen war tatsächlich ein Gang drin. Und auf Anhieb war dieser perfekt. Überglücklich nach der Probefahrt bedankte ich mich wirklich aufrichtig und gab ihm die neu verhandelten 10 Euro.
Den ersten Schrauber suchte ich anschließend noch einmal auf, um ihn zu fragen, was er für den Seilzug bekommt. Lachend bot er mir an, die Schaltung irgendwann komplett zu ersetzen, wenn ich möchte. (Er ist sowas von Schrauber.) Erst wollte er 2 Euro für den Seilzug, nach unserem charmanten Plausch schenkte er ihn mir dann aber einfach.
🚲 Berlin-Flopp #2: Das Fahrrad in der Theorie
Für 15 Euro gekauft. Für 55 Euro repariert verbessert. Für 10 Euro gerettet.
🚲 Berlin-Tipp #2:
Ein Gang reicht in Berlin erstaunlich oft. Die Frage ist nur, ob du ihn kontrollierst – oder er dich.
