Fünf Frauen, zwei Zimmer und erstaunlich wenig Chaos

Ein Berliner Besuchswochenende zwischen Indoor-Camping, Plötzensee, Freiluftkino & einer sehr fragwürdigen Fünf-Euro-Pizza

Emel und Tatjana hatten sich für Donnerstagabend angekündigt. Wegen der hohen Zugpreise natürlich mit der günstigsten Verbindung, weshalb sie erst gegen 23 Uhr in Berlin ankamen. Vorsorglich hatte ich ihnen dieselbe ÖPNV-Beschreibung geschickt wie zuvor Tobias – nur dass die beiden damit tatsächlich etwas anfangen konnten.

Teresa war noch arbeiten, also hatten wir die Wohnung zunächst für uns. Nach einer kurzen Runde auf dem Balkon musste allerdings die Schlafsituation geklärt werden: Am Wochenende sollte auch noch Teresas Freundin Anja bei uns übernachten. Fünf Menschen, zwei Zimmer – sportlich.

Zum Glück waren Emel und Tatjana mit Campingausrüstung angereist. Wir räumten das Wohnzimmer um, die beiden schliefen auf dem Boden und die große Luftmatratze war für Anja reserviert. Normalerweise würde ich mich als guten Host mit vernünftigen Schlafplätzen bezeichnen. Dieses Wochenende war eher Kategorie Indoor-Camping.

Und dann war da noch Emel. Emel schnarcht. Viel. Laut. Und definitiv nicht nur „ein bisschen“. Das wusste ich bereits aus Wien, obwohl sie damals Gegenteiliges behauptet hatte.

Ihr Lösungsversuch: Schlafsack umdrehen und den Kopf möglichst weit weg von uns platzieren. Tatjana hingegen bewegt sich nachts überhaupt nicht. Bei ihr müsste man eher gelegentlich kontrollieren, ob sie noch lebt.

Freitag

Am Freitag arbeitete ich von zu Hause, während Teresa ins Büro ging. Emel und Tatjana wollten später Richtung Neukölln – Betonung auf später, denn vorher stand Sport auf dem Programm.

Tatjana ging laufen, Emel begann ein Workout, das in meiner Wahrnehmung ungefähr drei Stunden dauerte. Egal wann ich ins Wohnzimmer schaute: Sie trainierte, stretch­te oder bewegte sich anderweitig.

Irgendwann verließen die beiden tatsächlich das Haus. Dass sie sich problemlos selbst beschäftigen konnten, war an diesem ohnehin vollen Wochenende äußerst angenehm.

Nach der Arbeit kam Anja, später kehrten Emel und Tatjana zurück und irgendwann war auch Teresa da. Fünf Personen vollständig versammelt.

Eigentlich wollten wir essen gehen. Stattdessen verquatschten wir uns auf dem Balkon über Manipulation, Mutterschaft und allerlei andere Themen. Unsere Nachbarin von oben fand unsere Gesprächsrunde weniger gelungen und beschwerte sich bereits um 18 Uhr über die Lautstärke. Um 19 Uhr erneut. Es entstand eine kleine Diskussion, die Anja schließlich diplomatisch entschärfte.

Zur Belohnung gab es Wein. Empfehlung am Rande: Drei Freunde Riesling.

Als wir endlich zum Essen aufbrachen, war es ungefähr 22 Uhr. Teresa hatte wie immer Lust auf Pho 6, mich reizte das Neue. Da es schon so spät war und nichts nach Plan lief, entschieden wir uns letztlich doch für Pho 6. Dort angekommen sah es dunkel aus. EIn Schild auf der Tür bestätigte das was wir bereits ahnten. Das Geschäft ist „vorübergehend“ geschlossen, anscheinend wegen Renovierungsarbeiten – wobei Anja sofort die alternative Lebensmittelbehörden-Theorie aufstellte.

Also landeten wir bei einem anderen Asiaten. Irgendwann sinken die Anforderungen schließlich auf: offen und Essen.

Mein Gericht war überraschend extrem scharf, Teresas ebenfalls, und nach diversen Teller-Tauschgeschäften bekam ich meines noch einmal – ohne Schärfe, dafür deutlich salziger. Vermutlich war der Koch inzwischen nicht mehr mein größter Fan.

Danach ging es nach Hause. Trotz fünf Personen auf ziemlich wenig Raum funktionierte das Zusammenleben erstaunlich harmonisch.

Samstag

Der Samstag begann mit einer kleinen Medikamenten-Odyssee. Mir waren meine Tabletten ausgegangen und ich musste herausfinden, wie man an einem Samstag an Rezept und Medikament kommt.

Nach KVB-Dienst, Diskussionen und Apothekensuche wurde ich schließlich in der Wilma fündig und kehrte deutlich später als geplant nach Hause zurück.

Die anderen hatten tatsächlich mit dem Frühstück auf mich gewartet. Also saßen wir wieder gemeinsam auf dem Wohnzimmerboden, der sich inzwischen als offizieller Frühstücksplatz etabliert hatte.

Eine ursprünglich geplante Kajaktour im Spreewald fiel wegen meiner morgendlichen Mission aus. Anja und Teresa gingen zu Rave the Planet, während Emel, Tatjana und ich uns für Baden und Lesen am Plötzensee entschieden.

Das Strandbad war voll, schattenlos und kostete Eintritt. Unsere Alternative: Es ist ein See, irgendwo wird man schon liegen können.

Dass dieser Bereich umzäunt war, machte die Sache rechtlich möglicherweise etwas interessanter, aber auch abenteuerlicher. Nach einer kleinen Kletteraktion fanden wir tatsächlich ein ruhiges Plätzchen direkt am Wasser.

Mein persönliches Problem: Dreck. Ich bin kroatische Kiesstrände gewohnt. Tatjana hingegen hatte keinerlei Schwierigkeiten damit, meine Yogamatte möglichst großflächig mit der Berliner Natur zu verbinden.

Ich beobachtete, wie alles dreckiger wurde.

Sie verstand mein Problem nicht.

„Kann man doch abwaschen.“

Am Abend wollten wir ins Freiluftkino. Also wurde am See gelesen und geratscht, bevor wir uns auf die Suche nach Pizza machten.

Wir fanden, in der Nähe der Hakeschen Höfe, einen Stand mit einem sensationellen Angebot: Nur heute – Pizza für 5 Euro.

Extrem begeistert von dem unschlagbaren Angebot, stellten wir uns also auch in die nicht allzu lange Schlange. Wir bestellen. Freuten uns. Danach verdreifachte sich die Schlange. Irgendwann sah ich dann die regulären Preise. Also die die gelten wenn nicht Special Pizza Day.

Da sind es nämlich nur: 4,90 Euro.

Marketing kann so einfach sein.

Mit Pizza und Späti-Getränken ging es zum Freiluftkino Friedrichshain.
Und das war tatsächlich traumhaft: Picknickdecke, Isomatte, nette Leute und überraschend gute Filmqualität.

Sogar 4D-Effekte gab es gratis. Es tröpfelte kurz, später kamen Donner und Blitz passend zur „Odyssee“ dazu. Poseidon und Zeus amüsierten sich offensichtlich ebenfalls.

Sonntag

Der Sonntag war deutlich entspannter. Nach dem Frühstück ging es noch zum Flohmarkt im Mauerpark. Wir schlenderten herum, fanden Kleinigkeiten und machten anschließend Kaffeepause mit Käsekuchen auf der großen Wiese.

Eigentlich war das ziemlich sinnbildlich für das ganze Wochenende:
viel los, aber erstaunlicherweise ohne Stress.

Irgendwann mussten wir zurück, damit Tatjana ihren Zug erwischte. Emel zog noch für einen weiteren Tag zu einer Freundin weiter.

Nach der Abreise kehrte Ruhe ein – und ich saugte ungefähr eine Million Haare aus der Wohnung.

Fünf Frauen verlieren absurd viele Haare.
Und ich hasse Haare.

Damit endete ein volles, erstaunlich harmonisches Wochenende mit Indoor-Camping, Schnarchkonzert, Medikamenten-Odyssee, einem leicht illegal anmutenden Badeausflug und einer Fünf-Euro-Pizza, die normalerweise 4,90 Euro kostet.


Berlin Tipp: Freiluftkino statt klassischem Kino: Picknickdecke und etwas zu essen einpacken und einen Sommerabend draußen verbringen. Wenn dann noch Donner und Blitz passend zum Film einsetzen, gibt es die 4D-Effekte kostenlos dazu.
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