Tobi gegen Berlin
zwischen Großstadtdschungel, Spree und erwachsenen Kindern
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Vertieft in internationales Erbrecht – oder, um ehrlich zu sein, geistig schon deutlich mehr beim Abschalten – klingelte es gegen halb zehn an der Tür.
Tobi war endlich da. Und natürlich gab es direkt die klassische Tobi-Geschichte mitgeliefert:
Ich hatte ihm im Vorfeld diverse Screenshots geschickt, farbliche Markierungen eingezeichnet und Beschreibungen samt Hinweis auf die richtigen Ausgänge vorbereitet. Die Reise zwischen Hauptbahnhof und unserer Wohnung konnte also wirklich nicht schiefgehen.
Naja.
Falsch gedacht.
Tobi stieg aus der Straßenbahn und lief einfach weiter. Und weiter. Bis er nach einem kürzeren Spaziergang an der nächsten Haltestelle ankam.
Mir erzählte er dann ziemlich stolz, wie er sich erfolgreich durch den Großstadtdschungel gekämpft habe und alles wunderbar funktioniert hätte.
Ich fragte ihn, weshalb er überhaupt so lange bis zur nächsten Haltestelle laufen musste, zückte meine Screenshots und zeigte ihm, dass er nach dem Aussteigen eigentlich nur ungefähr zehn Meter nach rechts hätte gehen müssen.
Seine Mundwinkel beziehungsweise sein gesamtes Gesicht schauten mich ungläubig an.
Er gab schließlich zu, dass er es doch etwas verwirrend fand.
Seine Logik war außerdem bestechend: Niemals zurück laufen. Also lief er eben eine komplette Haltestelle weiter.
Meine Anleitung war offenbar doch nicht Tobi-safe genug.
Ich wies ihn anschließend darauf hin, dass ich meine Vorlesung jetzt trotzdem noch irgendwie durchziehen musste. Er setzte sich also in die Küche und aß in altbekannter Manier Brot, Käse und diverse Aufstriche.
Ein Glück kümmerte er sich um Letztere, denn Teresa und ich hatten bei einigen davon wirklich schlechte Entscheidungen getroffen. Wegwerfen wollten wir sie natürlich trotzdem nicht.
Tobi kam also gerade noch rechtzeitig zur Lebensmittelvernichtung.
Nachdem ich mich endlich aus dem internationalen Erbrecht verabschieden durfte, machten wir uns Richtung Hackesche Höfe auf. Dort wollten wir die restlichen Jugendstil-Innenhöfe anschauen, die ich bei meinem Besuch mit meiner Mutter irgendwie übersehen hatte.
Für Tobi war das alles erst einmal ein bisschen viel.
So viele Menschenmassen ist er einfach nicht gewohnt und der Stadt selbst stand er ohnehin ziemlich misstrauisch gegenüber. Zu nachhaltig hatten ihn die Berichterstattung über den berühmt-berüchtigten Görlitzer Park und unser letztes Berlin-Erlebnis eingeschüchtert.
Etwas zu sehr davon überzeugt, an jeder Ecke entweder Opfer einer Straftat zu werden oder in eine herumliegende Spritze zu greifen, folgte er mir mit messerscharfer Aufmerksamkeit durch Mitte.
In den Höfen selbst gab es diverse kleine Kunstgalerien, die wir uns mehr oder weniger genau anschauten. Nach einem Cold Flat White mitten zwischen den Gebäuden beobachteten wir außerdem eine Frau, die auf dem Kopfsteinpflaster etwas übte, das erstaunlich stark an eine Schwebebalken-Kür erinnerte.
Tobi beobachtete das Geschehen aufmerksam.
Nach einigen Minuten schaute er mich an und stellte eher fest, als dass er fragte:
„Sowas nimmt man hier einfach nur zur Kenntnis und hinterfragt nicht, oder?“
Ich nickte.
Natürlich suchten wir anschließend auch noch ein paar Läden auf, um Tobis Fashionista-Ego gerecht zu werden. Es ist schon etwas absurd, wie viele Uniqlo-Filialen Berlin hat.
Richtig genutzt hat er unseren kleinen Shoppingtrip allerdings nicht
Mehr als eine grüne Bauchtasche sprang zunächst nicht dabei heraus.
Wir ließen uns noch ein bisschen durch Mitte treiben und griffen natürlich wieder auf Teresas Café-Karte zurück, um weitere Spots ausfindig zu machen.
Irgendwann landeten wir im Garten Mitte. Diese kleinen Restaurants und Cafés, die hinter irgendeiner unscheinbaren Häuserfront einen halben Urwald im Innenhof verstecken, sind in Berlin gar nicht so selten. Positiv überrascht bin ich trotzdem jedes Mal.
Leider war natürlich alles komplett ausgebucht.
Viel Zeit zum Warten hatten wir ohnehin nicht mehr, also gingen wir in die Kneipe gegenüber, um uns noch einen Kaffee to go mitzunehmen.
Dort kamen wir mit ein paar Leuten ins Gespräch.
Also: Ich kam mit ihnen ins Gespräch.
Tobi hielt ehrlich gesagt Sicherheitsabstand und verstand schon wieder nicht, wie ich einfach fremde Leute ansprechen konnte.
Und wir hatten mal wieder Glück: Der ältere Herr, mit dem ich sprach, kam selbst aus Treptow-Köpenick.
Und genau dorthin mussten wir als Nächstes.






Denn für den Abend war eine Kajak-Sunset-Tour geplant.
Danke an dieser Stelle an Jassi, die bereits im Vorfeld mitgedacht und mir zum Geburtstag einen Gutschein für die Kajaktour geschenkt hatte – in Anlehnung an meinen Kajakkurs in Augsburg.
Die Tour startete am Funkhaus und sollte uns durch die Rummelsburger Bucht, vorbei an der Insel der Jugend bis zu den Molecule Men führen.
Zweieinhalb Stunden waren dafür angesetzt.
Obwohl wir eigentlich genügend Zeitpuffer eingeplant hatten, kamen wir mit Bus und Ringbahn natürlich trotzdem etwas zu spät an.
Vor Ort sprach ich direkt mit unserem Guide, denn Tobi lag mir bereits seit dem Moment, in dem er von unserem Abendprogramm erfahren hatte, mit seinen Sorgen in den Ohren.
„Was ist, wenn ich kentere?“
„Was ist, wenn ich danach zehn Spritzen im Arm habe?“
„Das Spreewasser ist doch kein Badegewässer!“
Und so weiter.
Ich versuchte, das alles größtenteils zu ignorieren und ihn stattdessen von den Vorteilen des Kajakfahrens zu überzeugen.
Das klappte eher mäßig.
Selbst als wir ein ziemlich komfortables und stabiles Zweierkajak bekamen, bereitete ihm die Vorstellung vom Kentern oder zumindest vom unfreiwilligen Nasswerden weiterhin Sorgen.
Nach dem Anlegen der Schwimmweste und den ersten Paddelschlägen beruhigte sich der wasserscheue Mann dann aber erstaunlich schnell.
Unser eigentliches Problem war ohnehin ein anderes.
Es gab keine Sonne, bei einer Sunset Tour.
Damit hatten wir uns ausgerechnet den einen Tag ausgesucht, an dem der Berliner Himmel eher einer einzigen großen Wolldecke glich.
Somit fiel immerhin nicht Tobi, dafür aber der Sonnenuntergang mehr oder weniger ins Wasser.
Nach den ersten Metern stellten wir außerdem fest, dass geradeaus paddeln offenbar nicht unbedingt zu unseren größten Talenten gehört.
Wir fuhren ständig schief, mussten korrigieren, manövrieren und uns wieder irgendwo herausarbeiten. Statt der eigentlich vorgesehenen Strecke legten wir dadurch gefühlt mindestens das Doppelte zurück.
Und die kleinen Beziehungskrisen, die uns aufgrund der räumlichen Trennung in letzter Zeit abhandengekommen waren, holten wir selbstverständlich direkt nach.
Denn natürlich war immer der beziehungsweise die andere schuld.
Die zweieinhalb Stunden wurden entsprechend ziemlich sportlich.
Die Gruppe teilte sich irgendwann auf und einige hatten relativ früh genug. Mit vier von ursprünglich acht Booten fuhren wir schließlich bis zum Ende durch und belohnten uns mit einem Blick auf die Molecule Men von unten.
Auf der Rückfahrt konnten wir sogar noch Graureiher beobachten und für einen Moment fast vergessen, dass wir eigentlich mitten in Berlin unterwegs waren.
Danach unterhielten wir uns noch ein bisschen mit unserem Guide, der ursprünglich aus Brasilien kommt.
Eigentlich war geplant gewesen, dass sich die ganze Gruppe nach der Tour noch zusammensetzt, gemeinsam etwas trinkt und den Sonnenuntergang genießt.
Nun ja.
Der Sonnenuntergang war nicht vorhanden und die Gruppe hatte sich unterwegs halbiert.
Damit verlief sich dieser Plan irgendwie von selbst.
Zum Glück gab es in der Nähe noch eine Pizzeria, die uns witzigerweise bereits der ältere Herr in Mitte empfohlen hatte.
Dort konnten wir noch etwas bestellen.
Also: Pizza und Aperol.
Während wir auf das Essen warteten, stand ich allerdings erst einmal auf der Toilette und versuchte, meine Hose und meine restlichen Klamotten mit dem Händetrockner irgendwie trocken zu bekommen.
Und mit „meine Hose trocknen“ meine ich tatsächlich: Hose ausziehen und unter den Händetrockner halten.
Das Gerät hatte wirklich ordentlich Bums.
Meine Hose beeindruckte das wenig.
Zum Glück erfüllte wenigstens die Pizza sämtliche Hoffnungen.
Dabei lernten wir noch Fritz und Lea aus unserem Kajakkurs etwas näher kennen. Fritz ist ebenfalls nicht in Berlin aufgewachsen, hat aber viel Familie hier und erzählte uns ziemlich spannende Geschichten aus deren Vergangenheit rund um die Wendezeit.
In seiner Familie gab es wohl Verbindungen zu Polizei und Staatsdienst und sogar eigene Stasi-Akten.
Er empfahl uns daraufhin noch die Gedenkstätte beziehungsweise das ehemalige Gefängnis in Hohenschönhausen.
Damit endete unser ziemlich nasser, sportlicher und am Ende doch sehr schöner erster gemeinsamer Tag in Berlin.



Der Samstag startete mit einem großen Frühstück. Teresas Familie kam vorbei um unsere kleine aber feine Wohnung kennzulernen.
In Familienmanier kündigten sich diese natürlich deutlich früher an, als Teresa und ich normalerweise frühstückten:
9:00 Uhr.
Teresa war vorher bereits beim Bäcker und wir bereiteten dann gemeinsam ein kleines Brunchbuffet vor. Die üblichen Verdächtigen durften natürlich nicht fehlen: Sojapilze, Frühstücksei und jede Menge Brot.
Ein Glück kam Teresas Familie ein bisschen später.
So waren wir wenigstens halbwegs fertig.
Zwischen Kaffee und Gebäck wurden wir darüber aufgeklärt, was der Plan für den heutigen Tag war.
Bundestag. Schloss. Ausstellungen. Und noch einiges mehr.
Tobi und ich grinsten uns an.
Bei uns stand genau eine Sache auf dem Tagesplan:
Tierpark Berlin.
Alles andere sollte einfach passieren.
Falls ihr es übrigens nicht wusstet: Berlin hat einen Zoo und einen Tierpark. Der Tiergarten hingegen ist einfach ein Park. Ich habe es selbst immer noch nicht ganz raus und finde die Namensgebung unnötig kompliziert.
Im Tierpark angekommen waren wir erst einmal ein bisschen überfordert.
Aber immerhin hatten wir den ganzen Tag eingeplant.
Wir verschafften uns einen Überblick über den Park und dann sah ich es:
Flugshow um 13:30 Uhr.
Ich hatte so etwas noch nie gesehen.
Und die Show war wirklich super. Eulen und Adler flogen teilweise ganz dicht über unsere Köpfe hinweg.
Als der Trainer fragte, ob Kinder anwesend seien, meldete sich Tobi selbstverständlich erst, als nach den erwachsenen Kindern gefragt wurde.
Als letzter Star kam Conchita, ein Bartgeier.
Mit ihren ungefähr fünf Kilogramm wirkte das Fliegen deutlich anspruchsvoller als bei den kleineren Eulen und Adlern. Die Herzen eroberte sie trotzdem.
Anschließend ging es weiter, inklusive einer kleinen Nachmittagspause auf dem Rasen.
Genau das ist das Coole am Tierpark: Er ist so weitläufig und grün, dass man zwischendurch fast vergisst, dass hier überhaupt Tiere wohnen.
Wir sahen unter anderem Schneeleoparden, rote Pandas und Sumatra-Tiger.
Nachhaltig im Gedächtnis geblieben sind uns allerdings ausgerechnet die Schildkröten.
Von gemütlich und friedlich konnte da nämlich keine Rede sein.
Die haben sich wirklich ordentlich angegangen.
Nur genug Zeit sollte man einplanen. Wir waren locker über sechs Stunden dort und hätten vermutlich noch länger bleiben können.
Von dort aus ging es noch einmal in die Innenstadt.
Tobi wollte unbedingt zum Adidas Flagship Store am Alexanderplatz, um sich dort ein bisschen „inspirieren“ zu lassen.
Natürlich blieb es nicht nur bei Inspiration.
Eine kleine Berlin-Edition durfte direkt mit.
Anschließend schlug ich vor, noch zur Museumsinsel und auf das Humboldt Forum zu gehen.
Die Aussicht von dort oben ist einfach atemberaubend, kostet keinen Eintritt und ist damit eine ziemlich gute kostenlose Alternative zum Fernsehturm.
Was man eventuell parat haben sollte, ist eine gute Lüge.
Oben gibt es nämlich eine meistens ziemlich ausgebuchte Bar und gelegentlich wird nach Reservierungen gefragt.
Aktuell hat es bei mir allerdings jedes Mal auch ohne Notlüge funktioniert.
Aber natürlich war ich vorbereitet.
Tobi hingegen ist nicht unbedingt der beste Lügner.
Das hätte also noch interessant werden können.
Zum Glück fragte einfach niemand.
Oben angekommen konnte Tobi dann auch mal wieder richtig durchatmen.
Der Blick auf den Dom, die tiefstehende Sonne und diese wuselige Stadt plötzlich nur noch von oben zu betrachten, hatte etwas unglaublich Beruhigendes.
Obwohl ihm Berlin am Anfang noch ein bisschen viel gewesen war, stellte sich langsam heraus, dass die Stadt aus der Ferne betrachtet offenbar doch ganz schön sein kann.
Irgendwann meinte er sogar:
„Hier könnte ich fünf Stunden stehen und einfach nur alles anschauen.“
Na bitte.
Besonders witzig war, dass Teresa und ihre Familie zeitgleich ebenfalls dort oben waren.
Das war überhaupt nicht abgesprochen.
Wir haben uns nicht gesehen und auch nichts voneinander gewusst.
Erst zwei Tage später fiel uns zufällig auf einem Video auf, dass Teresa zur selben Zeit einfach dort oben herumgelaufen war.
Berlin hat Millionen Einwohner. Aber selbstverständlich befinden wir uns unbemerkt auf demselben Dach.
Irgendwann ging es wieder runter und Tobi entwickelte inzwischen eine große Sehnsucht nach indischem Abendessen.
Ich recherchierte ein bisschen und schließlich fuhren wir zur Kastanienallee. Auch die Sauerländer vom Flohmarkt hatten uns empfohlen, dort noch einmal vorbeizuschauen.
Wir liefen die Kastanienallee entlang, durch einen kleinen Park und vorbei an einem Theaterpavillon, bis wir schließlich draußen in einem indischen Restaurant sitzen und sehr gut essen konnten.
Nach rund 20.000 Schritten machten wir uns auf den Heimweg.







