Mama zu Besuch in Berlin

Zwischen Musical, Flohmarkt und einem Abend, den niemand geplant hatte.

Dieses Wochenende stand ganz im Zeichen von Familienbesuch. Meine Mama machte sich nach ihrer Nachtschicht auf den Weg nach Berlin. Dass ihre Zugfahrt entspannter verlief als meine Anreise zum Hauptbahnhof, hatte ich allerdings nicht erwartet.
 
Kurz bevor ich los wollte, stellte ich fest, dass mein Datenvolumen aufgebraucht war. Also stieg ich einfach in den erstbesten Bus ein und hoffte auf das Beste. Irgendwo unterwegs fragte ich einen sehr hilfsbereiten Ukrainer nach dem Weg. Das Problem: Sein Handy war komplett auf Kyrillisch eingestellt. Gemeinsam fanden wir trotzdem den richtigen Zug. Nur der hatte natürlich Verspätung.
 
Währenddessen lernte meine Mama im Zug bereits ihre erste Bekanntschaft kennen. Ina, Berufssoldatin und gerade auf dem Weg zum LKW-Führerschein. Mama erklärte ihr, dass ihre Tochter sicher gleich da sei – nur manchmal würden ihre Uhren etwas anders laufen.
 
Dass mein Zug auf sich warten ließ, nebenbei noch eine Stellungnahme fertig werden musste und ich einen zunehmend unentspannten Kampf gegen die Zeit führte, konnte schließlich niemand wissen. Natürlich hatte ich die bekannte DB-Verspätung großzügig einkalkuliert. Nur leider an der falschen Stelle.
 
Mamas erste größere Fernreise mit dem Zug stellte sich damit entgegen aller Erwartungen als erstaunlich problemlos heraus.
 
Nach dem ersten Kaffee-Drama – Frappuccino mit Hafermilch angeblich nicht möglich, Café Americano scheinbar zu anspruchsvoll und stornieren ging jetzt natürlich auch nicht mehr – wechselten wir einfach auf die andere Straßenseite.
 
Dort funktionierte plötzlich alles problemlos.
 
Nach einem kurzen Zwischenstopp in der Wohnung und einer kleinen Auffrischung ging es wieder Richtung Hauptbahnhof. Unser erstes richtiges Ziel: Cabaret im Tipi am Kanzleramt.
 
Gemeinsam spazierten wir entlang der Spree über das Haus der Kulturen der Welt zum Tipi. Auf der großen Sommerterrasse bestellten wir noch etwas zu essen und warteten auf Teresa. Die kam etwas spät direkt von der Arbeit, schaffte es aber tatsächlich kurz vor knapp und konnte ihre Rhabarberschorle noch in der Sonne genießen.
 
Das Musical spielt im Berlin der späten Zwanzigerjahre und verbindet mehrere individuelle Schicksale mit der Geschichte des schleichenden Aufstiegs der Nationalsozialisten. Beeindruckend, bedrückend und absolut sehenswert.
 
Dazu kommt ein großartiges Ensemble und ein Host, der uns immer wieder zum Lachen brachte. Eine klare Empfehlung.
 
Und für Schüler*innen und Studierende gibt es Tickets sogar für 20 Euro – unabhängig von der Preiskategorie. Das war natürlich überragend.
 
Nach Hause ging es mit dem Uber, während Teresa auf dem Fahrrad gegen uns antrat. Ein kleines Wettrennen musste offenbar noch sein.

Den Abend ließen wir anschließend ganz unspektakulär auf unserem Balkon ausklingen.

Der Samstag begann deutlich gemütlicher.
 
Nach dem Frühstück ging es zunächst über den Ku’damm. KaDeWe, Uniqlo, Zara Home, Westwing, Bikini Berlin und gefühlt jeder zweite Laden, der irgendwie schön aussah. An diesem Tag sollte noch irgendein Marathon stattfinden – Gut für uns, denn dadurch war die gesamte Straße für Autos gesperrt, was das flanieren deutlich gemütlicher machte.
 
Im KaDeWe wurde uns spätestens zwischen Designerhandtaschen und Schuhen klar, dass wir vermutlich nicht zur eigentlichen Zielgruppe gehören. Immerhin durfte ein Glas Honig aus der Feinschmeckeretage mit nach Hause. Teresa ist schließlich Honigfeinschmeckerin. Wir hofften damit, ihren Ansprüchen gerecht zu werden.
 
Am Abend verschlug es uns in die Hackeschen Höfe, insbesondere in das Schwarzenberg Haus und anschließend in die Tapas-Bar YOSOY.

Sowohl die Höfe als auch das Haus waren beeindruckend. Es gab mehrere kleine Ausstellungen sowie ein Treppenhaus, dessen Wände mit unzähligen Stickern tapeziert waren.
 
Die Tapas-Bar fühlte sich zwischenzeitlich, so dass wir zunächst keinen Platz draußen fanden.
 
Ein Kellner empfahl uns, einfach kurz zu warten. Und bevor wir unsere Zigarette überhaupt zu Ende geraucht hatten, wurde tatsächlich schon ein Tisch frei. Kurzerhand setzten wir uns hin und holten uns anschließend noch das Einverständnis des Kellners.
 
Während wir noch überlegten, was wir bestellen sollten, fragte ich das Paar am Nebentisch nach Empfehlungen.
 
Die erste Antwort lautete ungefähr:
 
„Eigentlich alles.“
 
Zum Glück konnten sie das dann doch noch etwas eingrenzen. Besonders empfohlen wurden Huevos rotos con Papas Bravas und die hausgemachten Manchego-Kroketten.
 
Damit war ich schon deutlich weniger überfordert.
 
Aus diesen kurzen Restauranttipps entwickelte sich innerhalb weniger Minuten ein Gespräch über Reisen, Berlin, Polizeikontrollen, alkoholischen Eskapaden und das Leben im Allgemeinen.
 
Luisa war dabei eine Naturgewalt.
 
Schlagfertig, herzlich und immer ein Lächeln im Gesicht.
 
Sascha ergänzte sie im richtigen Moment. Die beiden erzählten so selbstverständlich aus ihrem Leben, dass es sich nach wenigen Minuten eher anfühlte, als würden wir alte Freunde treffen.

Irgendwann fasste ich mir ein Herz und fragte einfach:

„Wollen wir uns nicht zusammensetzen?“ Bis dahin kommunizierten wir nämlich über zwei Tische hinweg und durch ein Gerüst.

Sie wollten – und dachten sich wohl dasselbe wie wir: Warum haben wir das eigentlich erst jetzt gemacht?

Wir redeten stundenlang weiter, bekamen sogar noch jeweils zwei Crema Catalana aufs Haus und stellten irgendwann überrascht fest, dass es bereits nach ein Uhr nachts war.

Bevor wir auseinander gingen, tauschten wir Nummern aus. Zudem hatten wir direkt eine Mission für den nächsten Tag:
 
Wale finden.
 
Luisa suchte für ihre Zahnarztpraxis kleine Porzellanwale, die gleichzeitig als Zahnbürstenhalter dienen sollten. Auf dem Flohmarkt im Mauerpark sollte es sie angeblich geben.
 
Nach dem schönen Abend wollte ich ihr diesen Gefallen natürlich gerne tun, schließlich hatten wir von den beiden inzwischen auch genug Berlin-Tipps für die nächsten drei Wochen bekommen.

Der Sonntag stand deshalb ganz im Zeichen von Luisas Empfehlungen:
 
Flohmarkt Mauerpark, Essen und Spreefahrt.
 
Teresa strahlte schon nach den ersten Metern. Endlich der Flohmarkt, den sie sich die ganze Zeit erhofft hatte.
 
Zwischen Vintage-Kleidung, kleinen Kunstständen, Schmuck und unzähligen Essensbuden hätten wir vermutlich den gesamten Tag verbringen können.
 
Ich handelte mir eine neue Mütze herunter, Teresa fand schließlich doch noch einen grünen Blumentopf und meine Mama stellte irgendwann fest, dass Flohmärkte deutlich hungriger machen als erwartet.
 
Also gönnten wir uns an einem der vielen Stände etwas zu essen und waren rundum glücklich.
 
Was wir leider auch nach der zweiten Kaffeepause nicht gefunden hatten:
 
die Wale.
 
Während Mama und Teresa noch ihren Eiskaffee tranken, kam ich stattdessen mit einem Drei-Generationen-Gespann aus dem Sauerland ins Gespräch.
 
Langsam zieht sich das mit den fremden Menschen offenbar durch das Wochenende.
 
Danach ging es noch auf eine einstündige Spreefahrt. Vorbei am Kanzleramt weiter bis wir sogar die Goldelse auf der Siegessäule sahen und auf der Rückfahrt vorbei an der Museumsinsel.
 
Die Aussicht war gut, die Geräuschkulisse eher weniger.
 
Vor uns saßen an die sieben spanische Kinder. Während die Eltern zwei Tische weiter in aller Ruhe ihr Bier tranken, wohlwissend, dass ihre Kinder bestens beschäftigt waren, veranstalteten die Kleinen am Kindertisch ihre ganz eigene Stadtrundfahrt. Sie begrüßten jeden Menschen, egal ob dieser auf der Brücke stand oder auf einem anderen Boot vorbeifuhr, mit einem lauten „Hola“ und setzten dafür ihre kleinen, aber dafür umso lauteren Rangeleien kurz aus.
 
Zum Abschluss wollten wir meiner Mama unbedingt noch unseren Lieblingsasiaten Pho 6 zeigen.
 
Zum Glück bekamen wir doch noch einen Tisch draußen.
 
Das Essen war – wie jedes Mal – hervorragend.
 
Nur bei den Getränken bewies das Restaurant erneut eine bemerkenswerte Kreativität. Bestellt war eine Maracujaschorle. Serviert wurde irgendetwas gänzlich anderes.
 
Am Montag brachte ich meine Mama schließlich wieder zum Hauptbahnhof.
 
Inzwischen bewegte sie sich schon relativ sicher durch U-Bahn, S-Bahn und Bus. Vor ein paar Tagen schien ihr das Berliner Verkehrsnetz noch wie ein unlösbares Rätsel. Jetzt war sie fast schon Profi.
 
Ich glaube, Berlin hat ihr ganz gut gefallen.
 
Und Teresa kennt jetzt endgültig jede einzelne Geschichte aus meiner Kindheit.
Mehrfach. Auch die aus Mamas Kindheitszeit in Bosnien.

Hakesche Höfe & Schwarzenberg Haus

Die Hackeschen Höfe bestehen aus acht miteinander verbundenen Innenhöfen und wurden 1906 eröffnet.

Sie gehören zu den größten erhaltenen Hofanlagen Deutschlands und stehen heute unter Denkmalschutz.

Besonders bekannt sind die Jugendstilfassaden sowie die Mischung aus kleinen Läden, Gastronomie, Kultur und Wohnungen.

Direkt daneben liegt das Haus Schwarzenberg, das mit Street Art, Ateliers und Ausstellungen einen deutlichen Kontrast zu den restaurierten Hackeschen Höfen bildet.

Berlin Tipp: Traut euch, mit Fremden ins Gespräch zu kommen.
 
Nicht jeder Plausch endet mit ausgetauschten Telefonnummern. Aber manchmal entstehen aus einer einfachen Restaurantempfehlung Gespräche, an die man sich noch lange erinnert.
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