Berliner Pride, Bosnischer Kaffee &
ein 10-Euro-Aperol
Eigentlich begann der Samstag überraschend sportlich. Während Teresa und Simone noch schliefen, zog es mich schon wieder zum Fitboxing. Nach der Einheit am Donnerstag war ich so angefixt, dass ich direkt die nächste Stunde gebucht hatte. Der Trainer grinste nur und meinte, ich würde wohl wiederkommen. Recht hatte er.
Vor dem Training klärten wir noch kurz den Tagesplan. Heute stand der Berliner CSD auf dem Programm. Ich überließ den beiden die Entscheidung, ob sie schon losziehen oder auf mich warten wollten. Meine einzige Aufgabe lautete: Brot mitbringen.
Nach dem Training führte deshalb kein Weg an Zeit für Brot vorbei. Die Schlange war lang – ein gutes Zeichen. Dummerweise sollte man hungrig keine Bäckerei betreten. Eigentlich wollte ich nur ein Viertel Hausbrot kaufen. Wenige Minuten später verließ ich den Laden mit Brot, Focaccia, einem „Käseding“ (Originalbezeichnung), zwei Croissants und einer Rechnung, über die ich lieber nicht sprechen möchte. Mir war schon beim Bezahlen klar, dass Teresa gleich die Augen verdrehen würde.
Kurz vor der Haustür begegnete ich dann unserer Nachbarin Katarina. Sie kämpfte mit ihrem Rollator, den Einkäufen und einer Stufe. Also half ich ihr die Einkäufe hochzutragen.
Aus zwei Minuten wurden plötzlich zwanzig.
Als ich ihren Akzent hörte, fragte ich sie, woher sie komme. Nach einem kleinen Missverständnis wechselten wir schließlich ins Serbokroatische. Sofort begann sie zu strahlen. Plötzlich erzählte sie von ihrer Heimat, der Politik, dem Alleinsein und lud mich direkt auf einen „richtigen bosnischen Kaffee“ ein.
Ihre Küche erinnerte mich sofort an meine Oma – ähnliche Möbel, gehäkelte Tischdecken einfach dieselbe Atmosphäre.
Ich musste leider ablehnen. Zwei Freundinnen und ein perfekt getimtes Frühstücksei warteten bereits auf mich. Den Kaffee schulde ich ihr aber bis heute.
Oben angekommen präsentierte ich stolz meine viel zu große Brotauswahl.
Die Reaktion fiel exakt so aus wie erwartet.
„Dich kann man einfach nicht hungrig einkaufen schicken.“
Recht hatte sie.
Nach einem ausgedehnten Frühstück begann anschließend die eigentliche Herausforderung des Tages: drei Menschen, drei Kleiderschränke und ungefähr fünf Outfitwechsel pro Person. Simone hatte gefühlt einen Koffer nur für den CSD dabei, weshalb Teresa und ich uns großzügig an ihrer Garderobe bedienten.
Irgendwann erklärte Teresa schließlich in ihrer charmant bestimmten Art:
„Ha di – let’s go!“
Interessanterweise sagt sie das immer genau dann, wenn sie selbst noch nicht ganz fertig ist.
Mit Bus und U-Bahn ging es Richtung Tiergarten. Überall Regenbogenflaggen, Glitzer, ausgefallene Outfits und eine entspannte Stimmung.
Den ersten Fehler machte ich bereits nach wenigen Minuten.
Ich bestellte einen Aperol.
Erst danach schaute ich auf den Preis.
Zehn Euro.
Der Barkeeper versuchte mich mit einem Regenbogenarmband zu trösten. Hat nur bedingt funktioniert.
Wir suchten uns anschließend einen Platz auf der Straße des 17. Juni und ließen die Parade einfach an uns vorbeiziehen. Ehrlich gesagt könnte ich jetzt lange beschreiben, wie bunt, laut und kreativ alles war.
Aber manchmal sagen Bilder einfach mehr.





Natürlich blieben wir trotzdem nie lange an einem Ort. Irgendwann trafen wir durch einen ziemlichen Zufall doch noch Simones Mitbewohnerin Vanni und ihre Freundinnen. Sie hatte tatsächlich Simones pinke Hose in der Menschenmenge erkannt.
Von da an verlief der Tag ungefähr so: Hier ein Getränk. Dort Pommes. Dann wieder Musik. Kurz tanzen.
Irgendwo im Schatten verschnaufen. Genau so hatten wir uns den Tag vorgestellt.
Zwischendurch kamen wir mit zwei älteren Männern ins Gespräch. Anfangs ging es ganz locker um Berlin, den CSD und sogar darum, dass die Berliner Polizei dieses Jahr Unterstützung aus München bekommen hatte. Irgendwann kippte das Gespräch allerdings in eine Richtung, mit der ich nicht gerechnet hatte.
„Ist ja schon schön hier. Aber es sind mir einfach zu viele Männer. Wie kann man sich bei so vielen schönen Frauen für Männer entscheiden?“
Ich wusste ehrlich gesagt gar nicht, was ich darauf antworten sollte. Schließlich sucht man sich seine sexuelle Orientierung nicht aus. Also versuchte ich das Gespräch auf meine übliche, leicht ruppige Art freundlich zu beenden. Währenddessen fing der andere schon an, sich mit dem Rest unserer Gruppe zu unterhalten. Irgendwann nutzten wir die Gelegenheit weiterzugehen. Es waren keine unangenehmen Menschen – nur irgendwie völlig am falschen Ort mit den falschen Fragen.

Am Brandenburger Tor warteten wir anschließend auf Sarah Connor. Leider war ich von der Technik ziemlich enttäuscht. Der Bass war so laut abgemischt, dass ihre Stimme stellenweise fast unterging. Schade eigentlich. Hier trennten sich die Gruppen wieder und Vani & Co. liefen in die Stadt zum Essen und anschließend zur Bar „Zum schmutzigen Hobby“.
Vor der Knoblauchbude, bei der Teresa bereits am Nachmittag zugeschlagen hatte, bemerkte der Verkäufer offenbar meinen „Hungry Eyes“.
Mit einer ausgestreckten Hand signalisierte er mir: fünf Euro.
Ich schaute kurz auf die Uhr. 21:30 Uhr.
Offensichtlich wollte er kurz vor Veranstaltungsende noch möglichst viel verkaufen.
„Zwei“, erwiderte ich.
Er schüttelte den Kopf.
Am Ende trafen wir uns bei drei Euro.
Mit einer riesigen Portion Champignons samt Knoblauch-Mayo in der Hand fühlte ich mich wie die Gewinnerin des Tages.
Nur wenige Meter später sprach uns dann noch ein Berliner an, der offensichtlich Lust hatte, mit uns weiterzuziehen.
Endlich durfte mein Berliner Alter Ego Luna auftreten.
Luna erzählte ihm selbstsicher und mit ernster Miene, dass das Berghain völlig überschätzt sei und Bootstouren mit Rentnern auf der Spree ohnehin die deutlich besseren Veranstaltungen wären. Teresa und Simone kämpften die ganze Zeit damit, nicht laut loszulachen. Nach meiner bescheidenen Einschätzung hat er mir diesen Schwachsinn tatsächlich geglaubt.
Nach dem wir weiter liefen änderte sich die Stimmung schlagartig.
Über Lautsprecher wurde die Räumung der Straße des 17. Juni durch die Polizei angekündigt. Erst dachten wir und, seltsam, die Veranstaltung sollte doch noch mindestens eine Stunde gehen. Dann dachte ich auch an eine Bombendrohung. Niemand wusste etwas Genaues. Also liefen alle Menschen gemeinsam und ruhig Richtung Brandenburger Tor. Irgendwann begannen wir die ersten Internetrecherchen zu starten.
Zunächst fanden wir nur ältere Meldungen über Rechtsextreme am Rande des CSD und einen Mann, der mit einer Softair-Waffe geschossen hatte. Erst nach und nach tauchten die ersten Nachrichten auf.
Dort stand es: Ein Auto war in der Nähe des CSD in eine Menschenmenge gefahren. Das kann dich nicht ernsthaft wieder passiert sein, dachte ich mir noch. Wir haben ja absolut nichts mitbekommen.
Mit einem Mal wurde aus der vorher so ausgelassenen Stimmung bedrückende Unsicherheit. In unmittelbarerer Nähe zum Reichstagsgebäude blieben wir stehen. Rund um uns herum standen Menschen schweigend zusammen, telefonierten oder aktualisierten im Sekundentakt ihre Nachrichten. Die Polizei sperrte Bereiche ab, Rettungswagen fuhren im Minutentakt vorbei, schwer bewaffnete Polizisten positionierten sich und direkt vor dem Bundestag wurde ein provisorischer Hubschrauberlandeplatz eingerichtet.
Ich weiß noch, wie ich irgendwann den Schriftzug am Paul-Löbe-Haus las: „Wir leben Demokratie.“
Und ich dachte nur: Schön wär’s.
In meinem Kopf kreisten unzählige Gedanken. Das hätte genauso gut uns treffen können. Hoffentlich wurde niemand schwer verletzt. Warum muss ausgerechnet ein so friedliches Fest wieder von Gewalt überschattet werden? Wir sind gemeinsam Richtung Hauptbahnhof gelaufen und gut heimgekommen.
Mehr Raum möchte ich diesem Vorfall nicht geben. Denn wenn ich an diesen Tag zurückdenke, erinnere ich mich vor allem an tausende Menschen, die friedlich zusammen gefeiert haben. An Offenheit. An viel Musik. Und daran, dass Berlin an diesem Tag gezeigt hat, wie bunt diese Stadt sein kann.
Berlin Tipp: CSD Berlin – mehr als nur eine Demonstration
Wer Ende Juli in Berlin ist, sollte den CSD nicht verpassen. Selbst wenn man nicht die komplette Demonstration begleitet, lohnt sich die Atmosphäre, unzählige kreative Outfits, gute Stimmung und Menschen, die einfach sie selbst sein können.
Berlin Flopp: Aperol für 10 Euro
Zehn Euro für einen Aperol, der nicht einmal besonders gut gemischt war – inklusive einem Euro Pfand und einem Regenbogenarmband als Trostpflaster. Seitdem gilt bei mir: Erst auf die Getränkekarte schauen, dann bestellen